“Mach Dir die Welt zum Dorf” Jürgen Wiebicke setzte sich eindrucksvoll für die Demokratie ein

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Jürgen Wiebicke diskutierte im Kulturspeicher, wie sich unsere Demokratie retten lässt.

Kürzlich fand im Kulturspeicher ein Vortrag mit dem Philosophen und Journalisten Jürgen Wiebicke aus Köln statt. Er sprach auf Einladung der Stadtbibliothek Leer, der Tucholsky-Kulturbörse und des Europe Direct Informationszentrums an der VHS Leer vor knapp 40 Leuten über sein Buch “10 Regeln für Demokratie-Retter”. VHS-Leiter Detlev Maaß betonte zu Beginn, dass der Abend als offenes Gespräch gedacht sei. Nach einer Einführung durch Jürgen Wiebicke kam es dann auch zu einer angeregten Diskussion, die erst aufgrund des fortgeschrittenen Abends beendet werden musste. Anstoß für das Buch sei ihm eine gewisse Ratlosigkeit in Bezug auf das Erstarken von Rechtspopulisten gewesen.

Als Moderator einer philosophischen Radiosendung beim WDR habe er jede Woche einen interessanten Gast und spreche auch immer wieder über den Zustand unseres Landes. “Dabei habe ich das Gefühl entwickelt, dass wir in einer Zwischenzeit festhängen, aber noch nicht wissen, wo es hingeht”, erklärte Wiebicke. Dann habe er sich entschlossen, einen Monat ziellos durch das Land zu wandern, um Gespräche mit möglichst vielen Menschen zu suchen. “Der Zufall sollte bestimmten, mit wem ich ins Gespräch komme”, sagte Wiebicke. So wanderte er herum, um die Gesellschaft von ihren Rändern her zu verstehen. Unter anderem traf er Menschen in einer Psychiatrie, im Schlachthof, auf Schrottplätzen und in einem Flüchtlingsheim. Bei all den Gesprächen habe keiner optimistisch in die Zukunft geblickt. Viele Menschen äußerten ihre Unzufriedenheit, beispielsweise weil sie in ihrer Arbeit keinen Sinn sähen. Aus seinen Erfahrungen hat Wiebicke dann in seinem Buch kleine Leitsätze formuliert. “Ich hoffe dabei auf Widerspruch”, betonte er. Denn mit seinen Regeln wolle er Anstoß für eine gesellschaftliche Debatte liefern. Seine ersten beiden Regeln sieht Wiebicke als die Wichtigsten an. “Liebe Deine Stadt” formulierte er als ersten Schritt.

Laut Wiebicke sind Menschen um Identitätsbildung bemüht. Da sei die Identifikation als gemeinsame Bewohner einer Stadt oder einer Region ideal – schließlich werde dadurch niemand ausgegrenzt. Als zweite Regel nannte Wiebicke “mache Dir die Welt zum Dorf”. Es sei wichtig, tragfähige Netzwerke aufzubauen. Dies gelinge besser, wenn der lokale Bereich eine bestimmte Größe nicht übersteigt. “Bis 15.000 Leute kann man gut bespielen”, schätzte Wiebicke. Damit sich ein Netzwerk tragen könne, müsse allerdings jeder das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Wichtig sei auch, dass bei ehrenamtlich engagierten Menschen eine Wertschätzung ihrer Tätigkeiten ankomme. In dem Zusammenhang kritisierte er den Neoliberalismus, der darauf setze, dass die Leute stets zuerst an sich selber denken. Dadurch verlören die Menschen die Selbstverständlichkeit, in sozialen Rollen unterwegs zu sein. “Dabei ist es so eine tolle Erfahrung, gebraucht zu werden”, erläuterte Wiebicke. Wichtig sei es, herauszufinden, wie sich die richtigen Leute kennenlernen können, die gemeinsam etwas gestalten wollen. “Schlüsselpersonen sind die, die das Vertrauen der anderen genießen”, sagte Wiebicke.

Entscheidend sei dabei weniger, was die Leute machten. Egal ob sich jemand im Sportverein um die Jugendarbeit kümmert oder dafür sorgt, dass die Straße vor der Haustür durch ein Beet verschönert wird – bedeutend sei, dass eine aktive Zivilgesellschaft existiere. “Das ist entscheidend für die Demokratie”, fügte er hinzu. Es komme nicht darauf an, dass sich 51 Prozent der Bevölkerung nun ehrenamtlich engagiert. Auch Wenige könnten viel bewirken. Dass sich Menschen engagieren wollen, habe sich gezeigt, als sich plötzlich viele Menschen in der Flüchtlingshilfe einbrachten.


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